Der nivellierte Mensch

 


Greifswald (SPA): Dem Thema „Time for Change? – Schule zwischen demokratischem Bildungsauftrag und manipulativer Steuerung“ widmete sich am letzten Samstag eine Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal. Was Lehrer, Eltern und Bürger unternehmen können, um Schule wieder in die demokratische Verantwortung zu holen, stand neben der Analyse von manipulativen Techniken und Mitteln im Zentrum der Veranstaltung, die statt der erhofften 100 Personen 460 Interessierte ins Bergische Land zog.

 


 

 

„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.“
(chinesisches Sprichwort)

 

Der Wandel, der sich in den von alternativloser Sprache begleiteten Reformen äußert, lässt Bewahrer und Modernisierer aufeinandertreffen. Das Neue ist besser. Immer. Mit Druck, sanft oder unsanft, werden die Bewahrer mit Hilfe sozialpsychologischer Steuerungsinstrumente (Change Management) auf Linie gebracht. Die Arbeit an Einstellungen („Sie sollen wollen, was sie wollen sollen“) wird dabei einer Sachdiskussion vorangestellt, Lehrer dazu gebracht, sich von ihren pädagogischen Überzeugungen zu verabschieden.

 

„Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land.“
(Edward L. Bernays, „Propaganda“, 1928, Seite 19)

 

Gleichzeitig verstärkt sich durch die zunehmend direkte Einflussnahme von Stiftungen (z.B. Bertelsmann) und Lobbygruppen auch der Druck von außen. Mit der Schaffung von Scheinargumenten, wie der von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) implementierten PISA-Studie oder dem Ausspruch „Humboldt ist tot“, wird ein Reformdruck auf die Schulen ausgeübt, der sich in Vergleichstests, zentralen Prüfungen, Methodentraining, Qualitätsmanagement, Schulprogrammen, Kompetenzrastern, externen Kontrollen und einer damit einhergehenden Bürokratisierung  und Arbeitsverdichtung manifestiert. Statt einer Verbesserung bewirkt dies jedoch, dass sich Lehrer vom Kerngeschäft und Erziehungsauftrag ebenso entfernen wie von ihrer Rolle als Anwalt des Schülers. 

 

„Von Anfang an hat die OECD die Bedeutung von Bildung und Humankapital für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung betont, und in den 50 Jahren seit ihrer Gründung hat sich das Humankapital in den Mitgliedstaaten signifikant weiterentwickelt. (…) Gleichzeitig haben die Länder ihre Einstellung zu den Bildungsergebnissen verändert, weg von der eher simplifizierenden Einstellung „Je mehr, desto besser“, die lediglich die Investitionen in Bildung und die Bildungsbeteiligung misst, hin zu einer Sichtweise, die auch die Qualität der von den Schülern und Studierenden letztendlich erworbenen Kompetenzen umfasst. In einer zunehmend globalen Wirtschaft, in der Bildungserfolge nicht länger nur Verbesserungen in Bezug auf nationale Vorgaben bedeuten, sondern im Verhältnis zu den Erfolgen der international leistungsstärksten Bildungssysteme gemessen werden, spielt die OECD eine zentrale Rolle bei der Bereitstellung von Indikatoren zu Bildungsleistungen, die staatliche Bildungspolitik nicht nur bewerten, sondern auch zu ihrer Gestaltung beitragen.“
(OECD-Editorial 2011, Seite 13)

Die Entmenschlichung des Bildungswesens (Humankapital) führt dazu, dass es genau jene Menschen an die Gesellschaft liefert, die sie braucht. Schule verkommt so zu einem Verfertigungs- und Auslieferungsbetrieb – die Zurichtung allein entspricht dem Bedarf der Gesellschaft. Neu ist dabei die Perfektionierung und Dichte der angewandten technischen Verfahren. Der PISA-Test gilt mit seiner Dokumentation, Kontrolle, Evaluation als Paradebeispiel. Bildung als Spiegel eines zunehmend totalitären Verfahrens, dem der wissenschaftliche, pädagogische und auch demokratische Diskurs entzogen wird, ist heute bestell- und lieferbar (Kompetenzkataloge), montierbar (Akkumulation) sowie einsetzbar (Funktionsbeschreibungen). Dauerleister als Outcome. Der konforme, nivellierte, global verwertbare Mensch.

 

„Wir haben es mit einer Wirtschaft zu tun, die sich anschickt, totalitär zu werden, weil sie alles unter den Befehl einer ökonomischen Ratio zu zwingen sucht. (...) Aus Marktwirtschaft soll Marktgesellschaft werden. Das ist der neue Imperialismus. Er erobert nicht mehr Gebiete, sondern macht sich auf, Hirn und Herz der Menschen einzunehmen. Sein Besatzungsregime verzichtet auf körperliche Gewalt und besetzt die Zentralen der inneren Steuerung des Menschen.“
(Norbert Blüm 2006, Gerechtigkeit. S. 81)

 

Die PISA-Studie ist kein Erkenntnisinstrument. Vielmehr ist sie ein Machtinstrument der OECD. Nie verfolgte sie den Zweck, Besonderheiten oder Stärken national gewachsener Bildungssysteme zu messen. Mit dem für alle Länder gleichermaßen angelegten Maßstab wird eine Norm und Ausrichtung suggeriert, die Erfolg versprechen soll. Erstmals in der Geschichte wurde mit PISA ein Verfahren installiert, zu dem jede Kontrollforschung fehlt. Weil man es sich nicht leisten kann und nicht will. PISA ist der Apotheker, der seine eigenen Pillen testet und für gut befindet.

 

Skeptiker, die in der aufkommenden Hysterie des medial aufbereiteten PISA-Schocks vor einer allzu schnellen Beurteilung warnten, sahen sich diskreditiert und diffamiert. Eine sachliche Diskussion geriet in diesem Fall ebenso in die Abstellkammer wie dies bereits bei der Reformation ganzer Hochschul-Studiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses der Fall war. Die von Dr. Matthias Borchardt („Dollarzeichen im Auge – Über die Ökonomisierung der Gesellschaft“) so bezeichnete kreative Zerstörung, eine Transformation des Systems, führte nicht nur zur Einführung modularisierter und gestufter Studiengänge (Bachelor, Master), sondern parallel zur Etablierung externer Akkreditierungsagenturen und Hochschulräte. Dazu ersetzten, so Borchardt, manageriale Top-Down-Strukturen die kollegiale Selbstverwaltung, Beschäftigungsformen wurden diversifiziert, Forschung und Lehre auseinanderdividiert und Wettbewerbssituationen durch die Steuerungsfunktion von Drittmitteln geschaffen. 

„Wer sich nicht verändert, wird verändert!“
 (Dr. Matthias Burchardt)

 

Was bleibt? Wurde Bildung früher im aufklärerischen Sinne als Weg zur Selbstfindung verstanden, so beugt sie sich heute den Zielen von OECD oder Bertelsmann-Stiftung und züchtet konforme Generationen heran. Einmal im Jahr, mit der Veröffentlichung der neuesten PISA-Studie wird durch Politik, Medien, Verbände, Wirtschaftsvertreter der Bildungsnotstand ausgerufen. In die Bildung müsse investiert werden – derzeit sind dies keine Investitionen in die Inhalte sondern in die Computerbranche, die Schulbuchverlage (räusper: Bertelsmann) und die Bauindustrie. Gepaart mit Modebegriffen wie Inklusion, frühkindliche Bildung, internationale Standards … Pawlowscher Reflex.

 

"Doch Bildung, das war einmal. Noch leben Menschen – erzogen und groß geworden in einem Schulsystem, das aus Sicht moderner Bildungsideologen rückständig und in jeder Hinsicht verwerflich war – die wirklich über Bildung verfügen. Das Privileg unserer Generation ist es, dass wir solche Menschen noch kennen lernen durften. Aber selbst das wird bald vorbei sein. Welch ein enormer, welch ein trauriger Verlust. Doch keiner wird gebildet genug sein, um ihn zu bemerken. Auch das ist eine Lösung."
(Alexander Grau)

 

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