Die Qual am Urinal

 

 

 

Greifswald (SPA): Ich sitze gegen halb Vier im Büro und profile ein bisschen. Die Tür fliegt auf. Drei Männer, gehüllt in weiße Kittel, Atemschutzmaske, stürmen herein. Der erste zieht ein transparentes Röhrchen aus der Schürzentasche und hält es mir vor die Nase. „Guten Tag. Franke, NADA Bonn, Nationale Anti-Doping Agentur Deutschland. Das ist eine unangekündigte Dopingkontrolle.“ Vor meinem Gesicht beginnt das Röhrchen zu tänzeln. „Wir benötigen jetzt eine Urinprobe.“

 

 

Als Hochleistungsblogger habe ich damit rechnen müssen. Ich schnappe nach dem Reagenzglas, gehe aus dem Büro zwei Türen weiter, wo sich das Flururinal befindet. Einer von Frankes Assistenten begleitet mich. Wegen Vorbeugung von Manipulationsversuchen. Er baut sich im Abstand von anderthalb Metern hinter mir auf, während ich mit den Vorbereitungen für eine kleine Entsorgung beginne.

 

Das Urinal ist durch meinen Arbeitgeber nach den neuesten Erkenntnissen der Sanitärpsychologie gestaltet worden. Die satte Farbe Blau steht für Wasser und Fließen. Das Smiley an der bei Nutzung einsehbaren Seite des Deckels dient der Motivation. Kleine Papierstreifen dem nachhaltigen Spritzschutz. Alles bestens. Aber ich bemerke, wie meine Blase erschüchtert. Ausgerechnet jetzt - eine akute Paruresis! Ich kann nicht immer, wenn einer dabeisteht und werfe einen flehenden Schulterblick in Richtung des Assistenten, der mit verschränkten Armen auf Vollzug wartet.

 

Die Tür fliegt auf. Hollatz vom Büro gegenüber. Wirft einen verständnislosen Blick auf den Mann im Hintergrund und stellt sich an das Urinal neben mir. Den nächsten Blick widmet er meiner Gürtellinie. Vermutlich ist er nun verwundert, dass ich entgegen der herkömmlichen Richtlinien für eine kleine Entsorgung zwei Hände benutze. Dann widmet er sich seinem Hosenschlitz und schon drei Sekunden später vernehme ich ein stringentes Plätschern. Na toll! Ich verkrampfe vollends.

 

Also täusche ich Erledigung vor. Seufze leicht. Imitiere ein paar abtropforientierte Schüttelmoves. Knicke einmal elastisch in den Knien ein und ziehe gleichzeitig den Reißverschluss hoch. Aus einem Guss, wo nichts gegossen wurde. Dann wende ich mich dem Assistenten zu, gestikuliere mit einem Schulterzucken, reiche ihm das jungfräuliche Röhrchen und gehe zum Waschbecken.

 

Franke wartet vor der Bürotür. Ich bedaure. Er lächelt und winkt dem zweiten Assistenten, der eine Kühltasche bei sich hat. Ein Monstrum von Kühltasche. Er klappt sie auf. Linkerhand ein Arsenal von verpfropften Reagenzgläsern, in Waage ausgerichtet und in maßgeschneiderten Halterungen. Rechts zwei Sixpacks. Einmal Jever, einmal Sternburg-Pils. Hollatz, denke ich und muss lachen. Haha, der war gerade. Ich wünsche: „Jever.“ Franke sagt: „In einer Stunde sind wir wieder hier. Wo finden wir einen Herrn Hollatz?“ Ich zeige auf das Büro gegenüber.

 

Eine Stunde weiter schaut mich NADA-Franke verständnislos an. Zu meinen Füßen steht der unberührte Sixpack Jever Pils. „Doch nicht während der Arbeitszeit.“, empöre ich mich und schaue auf die Uhr. „Aber jetzt.“ Franke reicht mir einen Flaschenöffner und durch die geöffneten Türen zweier gegenüberliegender Büros vernehme ich das markige Geräusch, das ein Kronkorken beim Hebeln vom Flaschenhals verursacht.

 

Vierzig Minuten später droht meine Blase zu platzen. Aber deren Befüllung ist nicht meine Kostenstelle. Ich greife nach der vierten Flasche und öffne sie. Einer der Assistenten schlürft in der Tür stehend einen Automatenkaffee. Der andere steht gegenüber und hat sich auch einen Kaffee geholt. Franke hat sich kurz entschuldigt.

 

Er müsse mal.

 

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